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Das Private ist politisch: Weibliche Erfahrungswelten im Arbeitsleben sichtbar machen

Open Call für Künstler:innen und Erfahrungsgeber:innen

Auf einen Blick: Die Ausstellung „Das Private ist politisch – weibliche Erfahrungswelten im Arbeitsleben“ widmet sich der Frage, wie persönliche Erfahrungen von Frauen im Beruf mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden sind. Der begleitende Open Call lädt Künstler:innen dazu ein, Arbeiten einzureichen, die Themen wie Sichtbarkeit, Care-Arbeit, Diskriminierung, Macht, Karrierebrüche und Selbstbestimmung im Arbeitsleben künstlerisch sichtbar machen. Zugleich richtet sich die Einladung an Frauen, die eigene Erfahrungen aus dem Arbeitsleben teilen und sich in Dialog- und Austauschformaten während des Ausstellungszeitraums einbringen möchten.

Manche Erfahrungen wirken auf den ersten Blick wie private Einzelschicksale: Überforderung, Unsichtbarkeit, Abwertung, der Bruch in einer Karriere, die Last unbezahlter Sorgearbeit, der Zweifel an der eigenen Stimme, das Gefühl, in bestimmten Räumen nicht gemeint zu sein. Doch oft sind sie keine Einzelfälle. Sie entstehen in Strukturen: in Rollenbildern, Erwartungen, Machtverhältnissen, Arbeitskulturen und gesellschaftlichen Normen.

Von der Frauenbewegung inspiriert

Genau das meinte der feministische Leitsatz „Das Private ist politisch“. Er wurde in der zweiten Frauenbewegung der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre prägend. Carol Hanisch verteidigte damals die Praxis sogenannter Consciousness-Raising Groups: Frauen trafen sich, teilten persönliche Erfahrungen und erkannten darin gemeinsame Muster. Was als privat oder therapeutisch abgetan wurde, wurde so als politisch sichtbar.

An diesen Gedanken knüpft die Ausstellung „Das Private ist politisch – weibliche Erfahrungswelten im Arbeitsleben“ an. Sie fragt, wie persönliche Erfahrungen von Frauen im Beruf mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden sind – und wie dieses Erleben künstlerisch sichtbar gemacht werden können. Denn Arbeit ist mehr als Erwerbstätigkeit. Sie ist Ort von Anerkennung, Abhängigkeit, Status, Selbstverwirklichung, Erschöpfung, Ausschluss und Macht. Sie prägt Biografien, Körper, Beziehungen und Lebensentscheidungen.

Frauen als Seismografinnen gesellschaftlicher Veränderungen

Die Ausstellung „Das Private ist politisch“ steht in einer langen Geschichte weiblicher Selbstbehauptung im Arbeitsleben. Denn viele Rechte, die heute selbstverständlich erscheinen, wurden über Generationen hinweg erkämpft: Zugang zu Bildung und Beruf, politische Mitbestimmung, gleiche Bezahlung, Schutz vor Diskriminierung und das Recht, die eigene Erwerbsbiografie selbst zu gestalten.

Die begleitende Chronologie zeigt diesen Weg von frühen Formen weiblicher Ausbeutung in der Textilindustrie über den Frauenrechtskongress von Seneca Falls, den Internationalen Frauentag, das Frauenwahlrecht, gesetzliche Gleichstellungsfragen, die Debatten um die gläserne Decke bis hin zu #MeToo und dem weiterhin bestehenden Gender Pay Gap. Diese Entwicklung ist kein abgeschlossener Fortschrittsbericht. Sie zeigt vielmehr, wie oft gesellschaftlicher Wandel dort beginnt, wo Frauen ihre Erfahrungen nicht länger als rein privat hinnehmen.

Frauen waren und sind Seismografinnen solcher Veränderungen: Sie spüren Verschiebungen, benennen Widersprüche und machen sichtbar, wo Arbeit, Macht, Körper, Fürsorge und Anerkennung politisch miteinander verbunden sind.

Die Ausstellung lädt Künstler:innen ein, diese Erfahrungswelten aufzunehmen, zu verdichten und in künstlerische Arbeiten zu übersetzen. Und sie lädt Frauen ein, ihre beruflichen Erfahrungen zu teilen, damit aus einzelnen Stimmen ein vielfältiges Bild weiblicher Arbeitsrealitäten entsteht.

Ein Ausstellungsraum für Kunst, Dialog und Sprache

Die Ausstellung ist nicht nur als Präsentation künstlerischer Arbeiten gedacht, sondern auch als Ort des Austauschs. Während des Ausstellungszeitraums von September bis November finden regelmäßig Dialogveranstaltungen statt, in denen Frauen ihre Sicht auf das Arbeitsleben teilen, einordnen und miteinander diskutieren können.

Im Rahmen der Vernissage, einer Podiumsdiskussion und weiterer Dialog- und Austauschformate entsteht ein Raum, in dem unterschiedliche Perspektiven von Frauen auf Arbeit, Sichtbarkeit, Diskriminierung, Selbstbehauptung und Teilhabe diskutiert werden. Ergänzend dazu entsteht eine offene interaktive Wand, die die Sprache visualisiert, mit der Frauen im Arbeitsleben konfrontiert sind – Sätze, Zuschreibungen und scheinbar beiläufige Erwartungen, die viel über Rollenbilder und Machtverhältnisse verraten. Zum Beispiel: „Du schreibst doch so schön, mach du doch das Protokoll.“

Gerade solche Alltagssätze zeigen, wie eng Sprache, Arbeit und Geschlechterrollen miteinander verbunden sind. Was harmlos klingt, kann Aufgabenverteilungen festschreiben, Zuständigkeiten unsichtbar machen oder alte Erwartungen immer wieder neu bestätigen. Die interaktive Wand macht diese Sprache sichtbar – und lädt dazu ein, sie gemeinsam zu hinterfragen.

Warum SEQUOYA dieses Projekt unterstützt

Für SEQUOYA ist die Ausstellung besonders relevant, weil sie zentrale Fragen berührt, die auch in Coaching, beruflicher Neuorientierung und Organisationsentwicklung immer wieder auftauchen. Für Heike Sohna, Initiatorin des Kunstprojekts, ist das Thema eng mit ihrer Arbeit verbunden und auch persönlich sehr wichtig. Als Geschäftsführerin eines frauengeführten Unternehmens, das Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen begleitet, berät sie täglich zu den Fragen, die die Ausstellung verhandelt:

Wie gestalten Frauen ihren beruflichen Weg?
Welche Hürden begegnen ihnen?
Welche Muster wiederholen sich in Organisationen?
Was braucht es, damit Entwicklung nicht nur individuell, sondern auch strukturell möglich wird?

Gerade im Arbeitsleben wird oft erwartet, dass Menschen ihre persönlichen Erfahrungen ausblenden. Doch berufliche Entwicklung geschieht nie losgelöst von Biografie, Körper, Beziehungen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Deshalb hat die These der zweiten Frauenbewegung „Das Private ist politisch“ auch heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Sie lädt dazu ein, genauer hinzusehen: auf individuelle Geschichten, aber auch auf die Strukturen, in denen diese Geschichten entstehen. Die Ausstellung öffnet dafür einen künstlerischen Raum. Und der Open Call ist eine Einladung, diesen Raum mitzugestalten.

Open Call: Künstlerische Beiträge und Erfahrungen gesucht

Für die Ausstellung „Das Private ist politisch – weibliche Erfahrungswelten im Arbeitsleben“ werden künstlerische Beiträge kuratiert, die sich mit weiblichen Perspektiven auf Arbeit, Biografie, Macht, Sichtbarkeit und gesellschaftliche Teilhabe auseinandersetzen.

Gesucht sind Arbeiten, die persönliche Erfahrungen nicht als isolierte Einzelfälle betrachten, sondern ihre gesellschaftliche Dimension sichtbar machen. Darüber hinaus sind Frauen eingeladen, eigene Berichte aus dem Arbeitsleben einzubringen – als Impuls für die Dialogveranstaltungen, die interaktive Wand und den gemeinsamen Austausch während des Ausstellungszeitraums.

Mögliche Themen sind Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit im Beruf, das Verhältnis von Care-Arbeit und Erwerbsarbeit, Karrierebrüche, Übergänge und Neuanfänge sowie Erfahrungen mit Diskriminierung im Arbeitskontext – etwa aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Alter oder Behinderung. Ebenso können Körper, Erschöpfung und mentale Gesundheit, Machtverhältnisse, Abhängigkeiten und Grenzüberschreitungen, Sprache, Schweigen und Selbstbehauptung sowie weibliche Solidarität, Netzwerke und Formen des Widerstands aufgegriffen werden. Auch die Verbindung von Arbeit, Identität und biografischer Prägung bietet Raum für künstlerische Auseinandersetzung und persönlichen Austausch.

Eingereicht werden können zum Beispiel:

  • Fotografie
  • Malerei und Zeichnung
  • Textilkunst
  • Installation
  • Video
  • Performance
  • Sound
  • Text- und Archivarbeiten
  • interdisziplinäre Formate
  • Erfahrungsbeiträge, Beobachtungen oder prägende Sätze aus dem Arbeitsleben für die Dialogformate und die interaktive Wand

Jetzt mitmachen

Du arbeitest künstlerisch zu weiblichen Erfahrungswelten, Arbeit, Sichtbarkeit, Macht, Care, Diskriminierung oder beruflicher Selbstbestimmung? Oder du möchtest eine Erfahrung aus deinem Arbeitsleben teilen, die sichtbar machen kann, wie private Erlebnisse mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden sind?

Dann reiche deinen Beitrag für die Ausstellung „Das Private ist politisch – weibliche Erfahrungswelten im Arbeitsleben“ oder bringe deine Perspektive in die begleitenden Dialogformate ein:

Einreichungsfrist: 31. August 2026
Ausstellungszeitraum: 20. September – 22. November 2026
Vernissage: 20. September, 14-23 Uhr, Projektraum rga, Cuvrystr. 19, 10997 Berlin


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