Ein Konflikt: rennen Sie weg oder greifen Sie an?

Wir alle haben im Leben mit Konflikten zu tun – sei das auf der Arbeit, in der Familie, mit Freunden oder mit uns selbst. Statt komplizierte Phasenmodelle oder Einstufungen von Konfliktsituation zu betrachten, wenden wir uns hier den Grundtendenzen des Verhaltens zu: laufen Sie weg oder greifen Sie an? Und warum tun Sie das? Das Verständnis dieser grundlegenden Verhaltensweisen hilft, neue Wege zu gehen.

Konflikte entstehen überall da, wo Menschen miteinander und mit sich selbst in Beziehung sind. Die schöne Seite der Beziehungs-Medaille sind Wertschätzung und Verständnis füreinander, die „dunklere“ Seite der Medaille sind Konflikte. Diese entstehen, weil Menschen verschiedene Bedürfnisse, Ansprüche und Vorstellungen haben (und sich derer manchmal gar nicht selbst bewusst sind).

In diesem Artikel wenden wir uns dem zu, was noch vor der so wesentlichen Kommunikation in der Konfliktlösung stattfindet: die ursprüngliche Reaktion auf einen Konflikt und deren Hintergrund. Wenn wir diese durchschauen, lernen wir, uns selbst zu behaupten. Das unterstützt uns wesentlich, uns überhaupt einem Konflikt zu stellen.

In unsere Reaktionen hinein spielen auch unbewusste Emotionen. Konflikte sind immer emotional. Die Frage ist

„Warum verhalten wir uns auf eine bestimmte Art und Weise?“
(z. B. Flucht oder Angriff)

„Was sind die dahinter liegenden Ängste?“

Wenn wir diese Fragen beantworten können, steuern diese Ängste nicht mehr unbewusst unsere Handlungen. Stattdessen können wir selbst wählen, wie wir agieren wollen. Wir können wählen, auf eine bestimmte Art und Weise (beispielsweise mit Hilfe der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg) zu kommunizieren.

Lassen Sie uns die zwei Verhaltenstendenzen näher betrachten:

Konfliktscheue Haltung

Verhaltenstendenz: Fluchttendenz

  • diese Person räumt das Feld, zieht sich zurück
  • sie wertet sich selbst ab
  • sie ordnet eigene Interessen denen der anderen unter
  • sie ist ängstlich

Verhängnis:

  • Konfliktvermeidung und -unterdrückung

Zugrunde liegende Angst:

  • durch eventuelles aggressives Auftreten gefühllos, kalt und unmenschlich wirken
  • andere zurückstoßen oder verletzen
  • etwas zerstören
  • sich selbst verletzen

 

Streitlustige Haltung

Verhaltenstendenz: Aggressionstendenz

  • diese Person walzt andere nieder
  • verletzt und beleidigt andere
  • ist egozentrisch, verfolgt nur Eigeninteressen
  • draufgängerisch, überheblich
  • zeigt ihre Emotionen, handelt offensiv

Verhängnis:

  • Mit allen und über alles heftig streiten bis jegliche Gemeinsamkeit zerstört ist

Zugrunde liegende Angst:

  • nicht genug zu sich selbst stehen, wenn sie sich zu nachgiebig zeigen
  • für feige oder unsicher gehalten werden

Wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle, wenn wir uns unsere Angst, die hinter unserem Verhalten steckt, bewusst vor Augen zu führen. Das ist ein ganz entscheidender Schritt. Und dann ist es uns auch möglich, zu forschen, welches Bedürfnis von uns nicht erfüllt wird, sodass wir uns so fühlen. Was genau stört mich an dieser Situation gerade? Die entscheidenden Fragen der Selbstreflexion sind an dieser Stelle also

„Wie fühle ich mich gerade (in diesem Konflikt)?“

und

„Welches Bedürfnis von mir wird gerade nicht erfüllt?“

Jetzt fällt es viel leichter, unsere Kommunikation zu verändern. Statt „Du bist die Ursache meines Ärgers“, „Du bist Schuld, dass ich mich so und so fühle“ oder „Du musst Dich ändern“ lautet unsere bewusste und unbewusste Botschaft jetzt „Ich zeige mich so, wie ich jetzt bin“, „Ich übernehme Verantwortung für meine Gefühle und Bedürfnisse“ und „Ich fühle und brauche gerade das und das“.

Der Trick ist es, das eigene Anliegen und die Bedürfnisse klar zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig die zwischenmenschliche Beziehung aufrecht zu erhalten. So wie wir bestimmte Gefühle und Bedürfnisse haben und uns aufgrund derer verhalten, können wir auch davon ausgehen, dass es unserem Gegenüber ähnlich geht. Es bringt uns der Konfliktlösung einen wesentlichen Schritt näher, wenn wir neugierig sind, zu entdecken, was denn der andere eigentlich meint und gerade wirklich braucht.

Durch dieses Vorgehen – der Fokus auf unseren Gefühlen und Bedürfnissen – sehen wir Beziehungen in einem ganz anderen Licht. Jeder Mensch möchte letztendlich seine Bedürfnisse erfüllen. Im Miteinander können wir jetzt den für uns passendsten Weg herauskristallisieren.

In einem unserer nächsten Artikel werden wir noch einmal genauer auf zwei Modelle der Konfliktlösung von Paul Lahninger eingehen und auf deine ganz persönlichen Konfliktlösungs-Beiträge.

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